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Taufe

Taufe am Berufskollegi taufe
als „Segensfall“ im Schulalltag

„Sie sind doch an unserer Schule für die Taufen zuständig!“ Erschrocken fahre ich zusammen, als mich eine Schülerin nach einem Schulgottesdienst mit diesen Worten anspricht. Gewiss, seit 10 Jahren bin ich neben meiner normalen Lehrertätigkeit zugleich auch als Schulseelsorger an unserer Schule tätig. Aber diese Anfrage trifft mich bis ins Knochenmark, da ich auf eine derartigen Anfrage überhaupt nicht vorbereitet bin. Natürlich hatten wir im Rahmen unserer 1 ½ jährigen berufsbegleitenden Ausbildung zum Schulseelsorger durch das Generalvikariat Münster ein eigenes Konzept für die Schulseelsorge an unserer Schule entwickelt, aber diese Anfrage der Schülerin war darin einfach nicht „vorgesehen“. Wieder einmal zeigte sich, dass das Leben manchmal ganz andere Anfragen an uns richtet als wir es ursprünglich vorhergesehen haben. Es ist viel lebendiger, viel pulsierender als das es die fixierten Buchstaben auf dem Blatt eines Schulseelsorgekonzeptes auch nur ansatzweise erahnen lassen

Da ich die Schülerin mit ihrem Anliegen sehr ernst nehme, erbitte ich mir zunächst eine kurze Bedenkzeit. „Was willst du, das ich dir tun soll?“ – dieser Satz aus dem Lukasevangelium war uns im Rahmen unserer Ausbildung zum Schulseelsorger mit auf den Weg gegeben worden. Gleichzeitig war uns in unser Stammbuch geschrieben worden, dass wir nach dem diakonalen Ansatz in der Schule handeln sollten. Diakonal, das heißt also sich in den Dienst für den Nächsten nehmen zu lassen. Auch vor diesem Hintergrund durfte ich vor der Anfrage der Schülerin nicht verzagen! Wenn zudem die Taufe vor allem das Sakrament des Glaubens ist, in dem die Menschen auf das Evangelium Christi antworten, so ist erst Recht aus theologischen Gründer der Sehnsucht der Schülerin zu entsprechen.

Zunächst führe ich daraufhin mit unserem Schulleiter, der ihr Klassenlehrer und auch Religionslehrer ist, ein kurzes Gespräch und wir sind uns schnell einig: wenn eine Schülerin uns als Schulgemeinschaft in einer derartigen Lebenssituation anfragt, wollen und müssen wir ihr bei der Umsetzung ihres Wunsches behilflich sein.

In einem Gespräch zeigt mir die Schülerin die Gründe ihrer Anfrage auf. Da ist zunächst die Erfahrung zur eigenen „Wohngemeinde“ überhaupt keinen Kontakt zu haben. Hier in der Schule ist es anders, „hier läuft man sich fast täglich über den Weg“. Mit dieser Aussage von ihr wird deutlich, dass sie mich nicht nur als Lehrer sondern zugleich auch als „Ansprechpartner“ der „Kirche“ im Schulalltag wahrnimmt. Die große Vertrautheit an unserer Schule ermöglicht es ihr somit, ihr Anliegen zur Sprache zu bringen. Einen weiteren Grund für die Taufe in der Schule sieht sie darin, dass ihre eigene Familie nur sehr klein ist, zumal der Vater des Kindes sie nach der Geburt hat sitzen lassen. Eine Tauf-„Feier“ sei dadurch überhaupt nicht möglich. So mache ich ihr den Vorschlag die Taufe vielleicht in ihrer Klassengemeinschaft zu feiern. Nicht nur das die Klasse so gemeinsam die eigentliche Tauffeier mit vorbereiten könnte, sicherlich wäre nach der Taufe bestimmt auch noch ein kleiner Empfang im Klassenraum möglich, um dieses Fest auch gebührend feiern zu können. Begeistert stimmte sie diesem Vorschlag zu!

Während ihr Religionslehrer die Bereitschaft der Klasse für dieses Vorgehen einholt, führe ich mit einem Priester ein Gespräch, der häufiger unsere Schulgottesdienste leitet und dadurch der Schülerin auch bekannt ist. Auch er unterstützt unser Vorhaben und erklärt sich sofort bereit, das Taufsakrament zu spenden. Damit waren formal gesehen die wichtigsten Voraussetzungen für ein Zustandekommen der Taufe abgeklärt. Doch wie bei so vielen Dingen liegt die Krux in dem Detail. Wie ist unter diesen Rahmenbedingungen ein verantwortungsvolles Taufgespräch zu führen und wie kann die inhaltliche Vorbereitung der Tauffeier gelingen?

Taufgespräch mit dem Schulseelsorger

In dieser Situation kamen mir zwei Dinge zu Gute. Zunächst war ich seit geraumer Zeit in meiner Heimatgemeinde im Bereich der Taufkatechese tätig und zugleich war mir im Rahmen meiner Ausbildung zum Ständigen Diakon mit Zivilberuf bereits „theoretisch“ der Inhalt eines Taufgesprächs vertraut. Doch wie könnte man mit Jugendlichen, die 16 bzw. 17 Jahre alt waren ein derartiges Taufgespräch führen?

Zunächst nehmen wir dafür einen kollegialen Stundenplantausch vor. Der eigentliche Klassenlehrer und Religionslehrer der Schülerin geht für zwei Vertretungsstunden in meinen Religionskurs, während ich mit seiner Klasse das „Taufgespräch“ führe.

Gemeinsam sitze ich mit den Schülern in einen Stuhlkreis. In der Mitte habe ich viele Gegenstände aus der Lebenswelt mit einem Baby gelegt (Schnuller, Wecker, Spielzeug, Babypass, Handy, Fläschchen, Geld, Sparbuch, Pampers ...). Ich bitte die Schüler darum sich einen Gegenstand auszusuchen um zu überlegen, was dieser Gegenstand mit der veränderten Lebenssituation nach der Geburt eines Kindes zu tun haben kann. Erstaunlich bereitwillig lassen sich die Schüler auf diesen Versuch ein. Ich bin erstaunt und zugleich auch fasziniert, mit welcher Sensibilität und Einfühlsamkeit auch die vermeintlich coolsten Schüler sich in das Gespräch mit einbringen und der neuen Lebenssituation ihrer Mitschülerin nachspüren.
Aus diesem Gespräch heraus entwickeln sich viele Gedanken, die zugleich in Form von Fragen formuliert werden und für mich einen Anknüpfungspunkt bilden, um über den Inhalt des Taufsakramentes ins Gespräch zu kommen. Dabei gehe ich besonders auf die Symbole des Taufritus ein, um den eigentlichen Sinn der Taufsakraments zu erschließen. Natürlich kann zugleich auch zugleich auch auf die eigentliche Verknüpfung der Tauffeier und der Firmung sowie auf die Feier der Erstkommunion hingewiesen werden, die durch die ursprüngliche Erwachsenentaufe bedingt ist. Da wir an unserer Schule auch das Sakrament der Firmung feiern, erschließt sich für die Schüler besonders der Sinnzusammenhang von Tauf- und Firmsakrament.
Am Ende dieses „Taufgespräches“ gehe ich noch ganz kurz auf den Ablauf einer Tauffeier ein, wobei die eigentliche Vorbereitung der Tauffeier nun in die Hände des Klassen- und Religionslehrers gelegt wurde, der folgend sein Vorgehen beschreibt.

Tauffeiervorbereitung mit dem Religionslehrer

Seit gut einem Jahr unterrichte ich die Lerngruppe in den Fächern „Katholische Religionslehre“ und „Betriebswirtschaftslehre mit Rechnungswesen“, insgesamt acht Stunden in der Woche. Daraus resultiert meiner Meinung nach ein besonderes Vertrauensverhältnis, das wir intensiv pflegen. Der Vorschlag, die anstehende Tauffeier gemeinsam vorzubereiten, ergab sich nahezu zwangsläufig. Die Bereitschaft der Schüler, sich auf das Abenteuer „Tauffeier“ einzulassen, trug uns in den folgenden Wochen wie auf einer Welle, die eine große Dynamik entwickelte.

Zunächst ging es darum, den Begriff „Sakrament“ mit Inhalten zu füllen, die der Erfahrungswelt der Schülerinnen und Schüler entsprechen. Den Impuls, Gegenstände mit in den Unterricht zu bringen, die ihnen „heilig“ sind, nahmen sie sofort auf. Im Rahmen einer lebensgeschichtlichen Reflexion stellte jeder Schüler die besondere Bedeutung des Gegenstandes heraus: Fotos verstorbener Familienangehöriger, Tennisball, Amulette, Ketten, Kerzen, Kreuze. Ausführlich schilderten sie ihre Bezüge zu den einzelnen Lebenssituationen, in denen diese Gegenstände plötzlich eine „Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit“ bekamen.
In einem zweiten Schritt versuchten wir, vor dem Hintergrund der genannten Gegenstände den Begriff „Sakrament“ genauer zu bestimmen. Wir einigten uns auf folgende „Definition“: Sakramente sind „Lebenszeichen“ und „Liebeshinweise unseres Gottes“; viel mehr als nur Zeichen, die auf etwas hindeuten, viel mehr als nur Symbole, die verschlüsseln. Sakramente schließen etwas auf, schließen uns auf, öffnen uns für die Dimension der Liebe Gottes. In diesem Zusammenhang sprachen wir ansatzweise über den aufkommenden „Magieverdacht“. Die sieben Sakramente wurden in die Perspektive bedeutsamer Lebenssituationen eingeordnet: Taufe, Eucharistie, Buße, Firmung, kirchliche Trauung, Priesterweihe und Krankensalbung wurden Ursituationen, Knotenpunkten des Lebens, zugewiesen: Geburt, Kommunion und Mahl, Schuld, Reifung, Statuswechsel Ehefrau, Ehemann, Statuswechsel Priester, Krankheit und Tod. Dabei wurde stets „die Beziehung“ zu Jesus Christus, dem Ursakrament christlichen Glaubens, besonders hervorgehoben.

Dieser stark „theoretische“ Zugang konnte in einem weiteren Schritt durch die Vorbereitung der Tauffeier „geerdet“ werden. Die Schüler teilten sich in verschiedene Arbeitskreise auf, die sich mit den unterschiedlichen Schwerpunktendes Verlaufs der Tauffeier befassten. Kritische Korrektive der Auswahl der Texte bzw. der selbst gefundenen Formulierungen waren sowohl die junge Mutter als auch ich in meiner Funktion als Religionslehrer. Folgende Elemente wurden nach diversen Entwürfen ausgewählt:

1. Taufspruch Mt 18, 4-5
2. Lied „Du bist das Licht der Welt“
3. Begrüßung
4. Kreuzzeichen und Handauflegung
5. Lied „Herr, erbarme dich“
6. Lesung Mk 10, 13-16
7. Lied „Laudato si“
8. Predigt
9. Bekenntnis der Eltern und Paten
10. Lied „Ich trage einen Namen“
11. Die Taufe mit dem lebendigen Wasser, die Salbung mit dem heiligen Öl, das Entzünden der Taufkerze am Licht der Osterkerze
12. Lied „Halte zu mir, guter Gott“
13. Fürbitten
14. Vater unser
15. Schlusssegen
16. Lied „Irische Segenswünsche“

Die eigentliche Tauffeier fand während der Unterrichtszeit in unserer Schulkapelle statt. Neben den Angehörigen und Freunden war die gesamte Klasse anwesend. Auch einige Kolleginnen und Kollegen gehörten zur Taufgemeinde in der Schule. Musikalisch wurden wir ebenfalls durch Lehrkräfte unterstützt, die der Taufe einen feierlichen Charakter verliehen haben.
Während der Taufe hatten die Schülerinnen und Schüler die Gelegenheit, nach den Eltern und Taufpaten dem Täufling mit dem heiligen Chrisam das Kreuzzeichen auf die Stirn zu zeichnen. Für viele war dies ein besonderes Ereignis, das sie sehr bewegt hat.

Nach der Tauffeier versammelten wir uns im Klassenraum, um noch einige Zeit gemeinsam zu feiern...

Fazit - aus der Sicht des Religionslehrers

Als Klassen- und Religionslehrer möchte ich meine Erfahrungen so zusammenfassen: insgesamt gesehen war die Lerngruppe sehr stark in die Tauffeier einbezogen, sie war quasi die tragende Säule der Vorbereitung und der Umsetzung der Ideen. Für alle Beteiligten erwies sich diese sakramentale Begegnung didaktisch und methodisch, spirituell und pädagogisch als Glücksfall, ja als „Segensfall“. Auch die Schule ist Personalgemeinde und somit der Ort der Sakramenten-katechese. Und es stimmt der Satz des soeben verstorbenen Trierer Bischof H.-J. Spital: „Der Glaube kommt auf zwei Beinen!“

Fazit - aus der Sicht des Schulseelsorgers

Nach einem gewissen zeitlichen Abstand habe ich als Schulseelsorger mit den Schülern versucht das „Taufprojekt“ abschließend auszuwerten. Das Taufgespräch wurde dabei von den Schülern als sehr spannend, informativ und interessant beurteilt. Es wurde als sehr intensives und gutes Gespräch empfunden. „Ich fand es schön so offen über die Tauffeier reden zu können“. Durch das Taufgespräch sei die Klassengemeinschaft gestärkt worden! Für einige Schüler vermittelte es zugleich einen Einblick in den Taufritus: „Es war meine erste miterlebte Taufe!“ Zugleich ermöglichte das Taufgespräch einen Perspektivwechsel: „Das Taufgespräch wurde durch die Kindersachen sehr gut anschaulich gemacht. Man hat bei dem Gespräch an seine eigene Kindheit gedacht und an die Zukunft; wie es wohl so wird, wenn man selbst später mal Kinder hat. Ich fand man konnte sich gut in die Lage eines Elternteils rein denken“.

Die Frage, ob man ein eigenes Kind in der Schule taufen lassen würde wurde sehr differenziert beantwortet. „Wenn man eine gute Klassengemeinschaft hat und es gerne möchte das alle dabei sind, ist die Taufe in der Schule eine gute Option. Da unsere Schule eh eine kleine Gemeinschaft ist die zusammen zur TRO (Tage der religiösen Orientierung) fährt und Gottesdienste feiert, finde ich es nicht schlimm, wenn man sein Kind nicht in der Ortsgemeinde taufen lässt!“ „So lange alle Verwandten in die (Schul-) Kapelle passen spricht nichts dagegen“.

Es gab auch Argumente der Schüler gegen eine Taufe in der Schule. Dabei spielt die traditionelle Sichtweisen eine große Rolle: „Nein, ich bin es einfach gewöhnt, dass man Kinder in der Kirche tauft!“ „In der Kirche kann man mit allen Verwandten, Bekannten und Freunde feiern“. „Nein, ich würde die Taufe nur mit meiner Familie feiern, denn es ist für mich etwas privates“.

Die Taufe in der Schule ist somit nicht unumstritten. Bei den Schülern führen die Taufen in unserer Schule immer wieder zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Taufsakrament insgesamt, was ich persönlich als sehr bereichernd empfinde. Zumal ich eine immer zunehmend Anfrage von Schülerinnen wahrnehme, ihr Kind in unserer Schulgemeinschaft taufen lassen zu wollen. Gleichzeitig hat aufgrund der positiven Erfahrungen mit der Spendung des Taufsakraments an unserer Schule auch eine schwangere Kollegin bereits ein großes Interesse für die Taufe ihres Kindes in der Schule angemeldet.

Veränderungen in der Arbeit wahrzunehmen, über Umbrüche nachzudenken und zukunftsfähige Konzeptionen zu entwickeln ist von Beginn an ein wesentliches Kennzeichen der Schulseelsorge. Vor dem Hintergrund struktureller Veränderungen in der Gemeindepastoral, wie einer zurückgehenden Zahl der Taufen, einer sinkenden Anzahl hauptberuflicher Mitarbeiter oder der zunehmenden Fusionsprozesse von Pfarrgemeinden stellt sich immer drängender die Frage, in welcher Gestalt die Schulgemeinde – als Personalgemeinde - zukünftig Aufgaben der „Wohngemeinde“ der Schüler – der Ortsgemeinde – wird übernehmen können/müssen!? Vertrauen wir dem Geist Gottes, in aller Gelassenheit die Zeichen der Zeit zu erkennen. Die Anfrage einer möglichen Verlagerung der Sakramentenkatechese und –spendung auf die Schule deutet sich an und wird eine dementsprechende Beantwortung bedürfen.

Johannes Gröger, Schulseelsorger
Lothar Weichel, Schulleiter

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